Warum wird bei ADHS oft keine Fremdanamnese durchgeführt?

🧩 Die 7 häufigsten Gründe im Überblick

1) Erwachsene haben oft niemanden, der zuverlässig Auskunft geben kann

Viele Erwachsene mit ADHS:

  • haben keinen Kontakt mehr zu Eltern
  • haben Eltern, die sich nicht erinnern
  • haben Eltern, die ADHS nicht „glauben“
  • haben niemanden, der ihre Kindheit gut genug kennt

→ Die Fremdanamnese ist dann faktisch nicht möglich.

2) Scham, Konflikte oder familiäre Belastungen

Viele Betroffene möchten keine Fremdanamnese, weil:

  • sie ihre Eltern nicht „belasten“ wollen
  • sie Angst vor Bagatellisierung haben („Du warst doch normal“)
  • sie familiäre Konflikte vermeiden wollen

→ Diagnostiker respektieren das.

3) Zeitdruck und Vergütungssystem

In vielen Praxen ist die Fremdanamnese:

  • nicht abrechenbar
  • zeitaufwendig
  • organisatorisch schwer einzubauen

→ Deshalb wird sie oft nur gemacht, wenn sie unbedingt nötig erscheint.

4) Fehlende Bereitschaft oder Verfügbarkeit der Angehörigen

Eltern oder Partner:

  • gehen nicht ans Telefon
  • haben keine Zeit
  • möchten nicht mitwirken
  • liefern unbrauchbare oder verzerrte Informationen

→ Dann bringt die Fremdanamnese keinen Mehrwert.

5) Erinnerungsverzerrungen bei Eltern

Gerade bei ADHS:

  • werden Probleme rückblickend verharmlost
  • wird „vergessen“, wie schwierig das Kind war
  • werden Symptome als „Charakter“ interpretiert

→ Diagnostiker verzichten dann lieber auf eine unzuverlässige Quelle.

6) Moderne Diagnostik erlaubt Alternativen

Viele Leitlinien sagen: Fremdanamnese ist wünschenswert, aber nicht zwingend, wenn andere Quellen vorliegen:

  • Schulzeugnisse
  • Entwicklungsberichte
  • alte Arztunterlagen
  • strukturierte Selbstanamnese
  • konsistente Symptomatik über Lebensspanne

→ Dadurch wird die Fremdanamnese optional.

7) Telemedizinische Diagnostik

Bei Online‑Diagnostik ist eine Fremdanamnese:

  • organisatorisch schwieriger
  • datenschutzrechtlich sensibler
  • logistisch aufwendiger

→ Viele Anbieter setzen daher auf Dokumente + strukturierte Selbstanamnese.

🧠 Wichtig: Fremdanamnese ist hilfreich – aber nicht zwingend

Die Leitlinien (z. B. DGPPN) sagen klar:

Wenn keine Fremdanamnese möglich ist, darf trotzdem diagnostiziert werden, solange die Symptomatik über die Lebensspanne anderweitig plausibel belegt ist.

Das ist besonders bei Erwachsenen entscheidend.

Sofern eine geeignete Bezugsperson verfügbar ist, bieten wir einen Fragebogen zur Fremdanamnese an. Die Diagnostik kann auch ohne Fremdanamnese vollständig durchgeführt werden.